SPONDYLOLISTHESIS
Zunächst eine gute Nachricht für alle Schmerzpatienten
Sozialgericht stärkt die Rechte von Schmerzpatienten. Danach hat ein Schmerzpatient das Recht in einer schmerztherapeutischen Klinik behandelt zu werden, er muß also nicht irgendeine der sonst üblicherweise angebotenen Rehabilitationen akzeptieren sondern kann unter Hinweis auf das Urteil gleich Widerspruch einlegen. Hier gelangen Sie zu dem Urteil (dieses gilt sinngemäß natürlich nicht nur für die Rentenversicherungen sondern auch für Krankenkassen), das mittlerweile rechtskräftig ist. Pressemitteilung dazu: http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=051207009&phrase=schmerzklinik
Was ist eine Spondylolisthesis
Bei der Spondylolisthesis verschieben sich die Wirbelkörper gegeneinander, was sich beim Vornüberbeugen oder Überstreckung der Wirbelsäule verstärken kann. Der Wirbelkörper bewegt sich dabei über dem nächst tieferen Wirbel nach vorne. Da sich der Wirbelkörper samt seinen Wirbelbögen, Querfortsätzen und oberen Gelenk fortsätzen nach vorne verschiebt, verschieben sich auch die darüber liegenden Wirbelsäulenabschnitte. Es ist also nicht so, daß sich nur ein einzelner Wirbelkörper aus der Achse herausschiebt.
Diese Erkrankung kommt bei ca. 4-5% der Bevölkerung vor, interessanterweise sind es bei Eskimos fast 40% (!). Am häufigsten ist der fünfte Lenden wirbel betroffen (ca. 80%), seltener der vierte (ca.15%).
Für eine Spondylolisthesis gibt es hpts. zwei Ursachen:
Nach Meyerding unterscheidet man vier Schweregrade:
Grad I und II machen keine oder nur wenig Beschwerden. Je nach Schweregrad kommt es zunächst eher zu Kreuzschmerz en bei Belastung bzw. Bewegung, woraus sich dann aber auch Dauerschmerzen entwickeln können. Die Schmerzen entstehen durch die ständige Fehlbelastung des Achsenorgans (Wirbelsäule). Bei einer ausgeprägten Spondylolisthesis können dann auch die paravertebralen (= an der Wir belsäule befindlichen) Ner venwurzeln im Mitleidenschaft gezogen werden und so zu einer pseudoradikulären (= scheinbar eine Ner venwurzel betreffenden) oder (seltener) radikulären (= eine Ner venwurzel betreffenden) Schmerz ausstrahlung führen.
Nicht selten kommt eine (erworbene) Spondylolisthesis bei Sportlern vor, die eine Sportart betreiben, bei der es häufig zu einer Hyperlordosierung (= übermäßige nach vorn gewölbte Verbiegung der Wir belsäule) kommt (z.B. Speerwerfer, Ringer).
Diagnostik:
Bei der körperlichen Untersuchung wird auf die Haltung der Lendenwir
belsäule
geachtet. Besteht eine Hyperlordosierung oder gar eine
Skoliose
(= Seitausbiegung der
Wir
belsäule)?
Zusätzlich Funktionsteste, u.a. Schobersches Zeichen (= zur
Objektivierung einer
Bewegung
seinschränkung der Lendenwir
belsäule
Aufsetzen einer Hautmarke über dem Dornfortsatz S1 und einer zweiten 10 cm
darüber; normalerweise vergrößert sich der Abstand der Hautmarken bei maximaler
Vorneigung auf ca. 15 cm). Damit keine
rad
ikuläre Symptoma
tik (=
Krankheitszeichen
die eine
Nerven
wurzel betreffen)
übersehen wird, sollte auch eine neurologische Untersuchung erfolgen.
Wichtig ist dann noch eine Röntgenaufnahme der Lendenwir
belsäule
in 2 Ebenen, ggf. auch eine Schräg- und/ oder seitliche Funktionsaufnahme.
Letztlich muß auch eine Magnetresonanztomographie oder Computertomographie in
Erwägung gezogen werden.
Nicht selten verbleiben trotz einer kausalen (= auf die Ursache gerichteten) fachärztlichen Behandlung weiterhin Schmerzen, so daß dann schmerztherapeutische Behandlungsmethoden gefragt sind. Oft sind diese bei verschiedenen Grundkrankheiten die gleichen, da sie sich nach dem Schmerz und seiner Ausdehnung und nicht mehr vorrangig nach seiner Ursache richten. Ein länger bestehender Schmerz erfordert praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren, die i.d.R. nur in spezialisierten Zentren (Schmerzklinik) angeboten werden können. Bei einer anhaltend schmerzhaften Spondylolisthesis sind dies:
Information über die Erkrankung
Medikamentöse Behandlung (u.a. Analgetika, Muskelrelaxanzien (= Mittel zur Muskelentspannung), schmerzlindernde Psychopharmaka, auch als Infusionen, individuell ausgetestet)
Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) in Form von Infiltrationen und Nervenblockaden, evtl. rückenmarknahe Blockaden, auch kontinuierlich mit Katheter
Physiotherapie (Kräftigung der Rücken und Bauchmuskulatur, Elektrotherapie, Entlordosierungsübungen, Rückenschule)
TENS-Therapie (schmerzlindernde elektrische Ströme, die von einem kleinen tragbaren Gerät abgegeben werden) und oder Hochtontherapie
Psychologische Therapieverfahren (bes. Entspannungsverfahren und Schmerzbewältigungstraining)
Medikamentöse Schmerztherapie:
Akut und
subakut können zunächst (vorwiegend)
peripher wirkende Analgetika
(= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken)
eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika
(=
Rheumamittel),
aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B.
Mobec®.
Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2
Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®)
oder Etoricoxib (Arcoxia®),
allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden
zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib
und
Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere
Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren
schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch
Muskel
relaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B.
Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden.
Sehr wichtig sind bei einer schmerzhaften Spondylolisthesis intensive physiotherapeutische Maßnahmen. In den so üblichen, orthopädischen Rehabilitationen zeigt sich nämlich oft das Problem, daß anspruchsvolle krankengymnastische Maßnahmen schmerzbedingt nicht oder nur bedingt durchführbar sind. Hier zeigt sich ein ganz wesentlicher Vorteil der Schmerzrehabilitation, in dem mit den Methoden der modernen speziellen Schmerztherapie das Schmerzempfinden ausgeschaltet bzw. deutlich reduziert werden kann, so daß dann eine effiziente Physiotherapie möglich wird.
Therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel):
Ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische
Lokalanästhesie mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B.
Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und
Nervenblockaden.
Infiltrative Lokalanästhesie (= Infiltration mit einem örtlichen Betäubungsmittel):
Die einfachste diesbezügliche Therapie besteht in der örtlichen Infiltration der meist verspannten, an die Wir belsäule angrenzenden Mus kulatur. Je nach segmentaler Ausdehnung reichen ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus.
Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Infiltration von Triggerpunkten (= kleine Reizzonen hpts. in der Muskulatur) nach vorheriger Identifizierung derselben.
Bei einer Affektion (= Störung, Erkrankung) der Iliosakralgelenk e (öfters eine sekundäre Erkrankung bei Spondylolisthesis) werden diese wiederholt infiltriert.
Periphere temporäre (= oberflächliche, zeitlich begrenzte) Ner ven- und rückenmarknahe Blockaden:
Zur Unterbrechung segmentaler Reflexkreise, aber auch zur Therapie von Schmerzausstrahlungen eignen sich beim Kreuzschmerz Blockaden (= Betäubungen) der korrespondierenden Ner venwurzeln (= im Schmerzbereich befindliche Nervenaustrittstellen neben der Wir belsäule).
Im Bereich der Beine können bei entsprechender radikulärer oder pseudoradikulärer Schmerzausstrahlung (= Schmerzen die auf eine tatsächlich oder scheinbar geschädigte Ner venwurzel zurückzuführen sind) der vordere Oberschenkel nerv (N. femoral is) und / oder der Isch iasnerv wiederholt blockiert werden, in hartnäckigen Fällen mit Katheter (* siehe unten).
Bei Schmerzausstrahlung in den Bereich des seitlichen und inneren Oberschenkel s gelingt mit der sog. 3-in-1-Variante die zusätzliche Betäubung der Ner ven obturatorius und cutaneus femoris lateralis, deshalb auch geeignet zur Behandlung der Meralgia paraesthetica (= brennende Schmerzen an der Oberschenkelaußenseite).
Die lumbale Per iduralblockade (= rückenmarknahe Betäubung im Lende nbereich), insbesondere kontinuierlich mit Katheter*, ist beim Kre uzschmerz eine sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das Risiko bei der Anzeige "Rück en- bzw. Kreuzschmerz" als vertretbar eingestuft werden.
Wenn eine Per iduralblockade technisch schwer oder nicht durchführbar ist (z.B. bei Mißbildungen, Zustand nach operativer Wirbelsäulenversteifung usw.), bieten sich sog. Kaudalanästhesien (= rückenmarknahe Betäubungen durch einen Kanal im Kreuzbein hindurch) an. Erhöht man die Menge des örtlichen Betäubungsmittels (z.B. 20-25ml Bupivacain 0,1 bis 0,15 %) kann auch der obere Len denbereich erreicht werden.
Wenn diese Therapiemöglichkeiten
ausgeschöpft sind, kann eine operative Behandlung in Erwägung gezogen
werde. Bei einer Spondylolisthesis wird üblicherweise eine
Spondylodese
(= operative
Wirbelversteifung)
durchgeführt.
Leider sehen wir immer wieder Patienten, die auch nach einer solchen
Spondylodese
einer speziellen Schmerztherapie bedürfen. Man fragt sich natürlich zu Recht,
warum die Schmerzrehabilitation nicht schon vor der Operation versucht
wurde.
* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das Lokalanästhetikum (= örtliche Betäubungsmittel) wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Nerven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert. Dies ist der Grund, warum diese Behandlungsmethode besonders bei Schmerzen, die durch entzündliche aber auch degenerative Prozesse entstanden sind, hilfreich ist.
Aktualisiert: k u 03.03.06
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